Verbindlichkeit

Verbindlichkeit ist anstrengend. Unverbindlichkeit ist verlockend. Dennoch überwiegt der langfristige Schaden den kurzfristigen Nutzen - für jeden einzelnen und uns alle gemeinsam!

Wenn sich eine Person nicht auf meine Nachricht zurückmeldet und mich im Ungewissen lässt, ob wir uns wie anvisiert nächste Woche sehen, löst das etwas in mir aus. Ich fühle mich nicht wertgeschätzt, als ob ich es nicht wert sei, dass man mir eine Antwort gibt. Als ob ich Luft wäre oder die andere Person noch eine bessere Option hat und ich somit nur maximal zweite Wahl bin. Ich plane und lege mich fest, aber der andere lässt mich ins Leere laufen. Kein schönes Gefühl.

Allerdings berichten mir Menschen, die nicht alles auf die Goldwaage legen, dass diese Art des Miteinanders für sie kein Problem sei, sondern auch einen großen Vorteil hat: Die Unverbindlichkeit schafft eine Distanz, die sie vor Verletzungen schützen kann. Ist man unverbindlich, lässt eine Frist verstreichen und geht somit einer unangenehmen Absage aus dem Weg. Ist man verbindlich mit seinem Gegenüber, muss man ihr oder ihm klare Ansagen machen und riskiert dadurch, dass er/sie von der Entscheidung enttäuscht ist. Das zu vermeiden, steigert für viele Menschen das Wohlbefinden.

Man bekommt den Eindruck, dass in unserer zunehmend polarisierten Welt, die mit Unruhe nicht gut umgehen kann, derjenige belohnt wird, der eine allzu klare Positionierung vermeidet. Wer sich festlegt, macht sich angreifbar, muss sich messen lassen - lieber schön jedes Türchen offen halten. Bloß nicht festlegen. Man will ja nicht als exponierter Außenseiter am Rand stehen. Also bloß nicht! Lieber lavieren, lieber ausweichen. Einen Vorwand finden. Oder sich im Nachhinein entschuldigen. Hatte so viel um die Ohren letzte Woche. Großes Sorry. Man merkt, das Thema ist für mich emotional. Also einmal durchatmen und nochmal von Anfang an.

Was ist eigentlich Verbindlichkeit?

Versuchen wir eine Einordnung: Es geht um mehr, als nur darum, ob jemand eine Zusage einhält oder nicht. Im Mittelpunkt steht die Kongruenz zwischen Wort und Handlung, also der Grundzutat für Vertrauen und Verlässlichkeit. Eine Kombination, die dafür sorgt, ob wir eine Person als berechenbar einschätzen oder nicht. Bei Verbindlichkeit geht es aber auch darum, ob man sich auf etwas oder jemanden einlassen kann bzw. will. Besitzt ein Mensch die Klarheit in seiner Position, übernimmt er die Verantwortung für sein Handeln und die daraus entstehende Wirkung. Bestimmt haben Sie jetzt bereits Menschen aus Ihrem Umfeld vor Augen, die zur einen oder anderen Kategorie gehören. Aber wie sieht es eigentlich mit Ihrem eigenen Verhalten aus?

Beschäftigt man sich eingehender mit Verbindlichkeit, wird klar, dass eine ganze Reihe von Aspekten hineinspielen, wie Beliebigkeit, Opportunismus und Manipulation. Auch die oft unbewusste Vermeidung von Konflikten und Auseinandersetzungen begegnet uns häufig in diesem Themenkomplex. Eine Erklärung hierfür ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das durch eine klare Positionierung gefährdet werden könnte und es somit opportun ist, sich nicht festzulegen, alle Optionen offenzuhalten, um sich nicht angreifbar zu machen. Als Ursache steht bei vielen Menschen jedoch nicht nur die Angst, nicht mehr dazuzugehören oder zurückgewiesen zu werden, sondern schlichtweg Überforderung. Viele Menschen bleiben unverbindlich, weil sie sich selbst nicht kennen oder keine klare innere Position haben. Wie sollten sie dann in der Lage sein, verbindlich Stellung zu beziehen und sich auf etwas festzulegen, wenn sie überhaupt nicht wissen, was sie wollen und wer sie sind?

Der Kontext ist wichtig

Es gibt allerdings auch Lebensbereiche, die die unverbindliche Begegnung zulassen und erlauben. Situationen, in denen Unverbindlichkeit keine negativen Konsequenzen nach sich zieht. Denken wir an den kurzen Flirt im Supermarkt oder ein tiefes Zuggespräch mit einem Unbekannten. Oder den informellen Austausch auf einer Veranstaltung, auf der man einfach nur Inspiration sucht. Wenn wir ein neues Hobby ausprobieren und nach der dritten Yogastunde merken, dass das nicht unseres ist. Why not? Natürlich kann man mal etwas ausprobieren und dann merken, dass man z.B. dieses Hobby nicht weiterverfolgen möchte. Entscheidend in Bezug auf Verbindlichkeit ist das Verhaltensmuster, das dahinter liegt. Handelt es sich um die zwanzigste Aktivität, die man „nur mal ausprobiert“ oder ist man grundsätzlich jemand, der bei einer Sache bleibt und sich darauf einlassen kann - aber halt nicht auf Yoga.

Auch digitale Kontexte können so ein Feld sein: Social Media, Networking- oder Dating-Apps. Dort ist Unverbindlichkeit strukturell eingebaut, und gleichzeitig wird hier ein Spannungsfeld deutlich: Während der eine User nur ein bisschen swipen will, sucht der andere nach der großen Liebe. Während der eine über den Social-Media-Kanal sein Business aufbauen und Reichweite generieren will, ist es für den anderen nur ein x-beliebiger Content. Somit ist es wichtig, dass wir differenzieren, in welchem Kontext wir uns bewegen, und mit einer Prise Empathie nicht nur unsere eigenen Interessen verfolgen, sondern auch unser Gegenüber im Blick behalten.

Zur Einordnung gehört auch, dass es jedoch auch Lebensbereiche gibt, in denen Verbindlichkeit unbedingt erforderlich ist. Damit meine ich jede Form von regelmäßiger Beziehung - mit Freunden, Bekannten, Kollegen, Lieferanten, Kunden. Aber auch mit den Menschen in der Arztpraxis, im Restaurant und im Nagelstudio. Überall dort, wo es darauf ankommt, dass wir das Miteinander gestalten und uns aufeinander verlassen wollen. Unser Handeln findet nicht isoliert statt, sondern wir befinden uns in einem sozialen Gefüge - somit wirken wir auf unsere Umwelt. Unabhängig, ob wir uns das bewusst machen oder nicht!

Mir ist es wichtig, zu betonen, dass Verbindlichkeit nicht missverstanden werden sollte als Vorwand für Dogmatismus, Starrheit, falsche Loyalität, Abhängigkeit oder fehlende Anpassungsfähigkeit. Wer sich sklavisch jeden Donnerstag bei seinem Stammtisch einfindet, dessen Mitglieder er seit Jahren abgrundtief hasst, aber dennoch erscheint, weil er das schon immer so gemacht hat, handelt nicht verbindlich. Wer nicht aus freien Stücken die Eltern besucht, sondern weil sie ja schließlich das Haus bezahlt haben, handelt nicht verbindlich. Wer nicht erkennt, dass man sich längst weiterentwickelt hat und das ehemals bereichernde Hobby heute keine Bedeutung mehr hat, handelt nicht verbindlich.

Und nein, wir reden im Zusammenhang mit Verbindlichkeit selbstverständlich auch nicht darüber, dass eben manchmal das Leben dazwischenkommt: das erkrankte Kind oder ein Verkehrsunfall. Das sind Dinge, die uns allen passieren und jedes Mal aufs Neue unsere Pläne durcheinander wirbeln.
Es geht um das Muster, um die Regelmäßigkeit, in der Menschen handeln. Es geht um die innere Haltung, aus der heraus ihr Verhalten gesteuert wird.

Erkennen zu können, um welches Format und um welchen Kontext es sich dreht und entsprechend zu handeln, ist eine Form von Reife und Differenzierungsfähigkeit. Denn es geht darum, eine bewusste Entscheidung zu treffen, ob man Verantwortung für sein Handeln übernehmen will und dabei sich und sein Gegenüber respektvoll behandeln will. Entscheidend ist die Differenzierung: kurzfristiger Vorteil vs. langfristige Integrität.

Weitreichende Konsequenzen

Unser Handeln findet nie isoliert statt, sondern wir befinden uns in einem sozialen Gefüge. Somit bleibt unverbindliches Verhalten nicht ohne Folgen. Wer sich regelmäßig und dauerhaft unverbindlich verhält, muss einige negative Konsequenzen für sich und seine Umwelt in Kauf nehmen - ob man sich dieser bewusst ist oder nicht.

Für sich selbst bedeutet unverbindliches Handeln eine Untergrabung der Selbstachtung und somit der eigenen Identität. Chronische Unverbindlichkeit erodiert die Entscheidungsfähigkeit, denn wer sich nie festlegt, verlernt es irgendwann. Es entsteht eine innere Orientierungslosigkeit und der Verlust innerer Klarheit (sofern man diese zuvor überhaupt hatte). Daraus folgt die Notwendigkeit, ständig in unterschiedliche Rollen schlüpfen zu müssen und sich permanent aufs Neue den äußeren Bedürfnissen anzupassen. Denn ohne klare innere Linie bleibt einem nichts anderes übrig, als sich an externen Impulsen zu orientieren. Wer sich selten festlegt, entwickelt weniger Klarheit über eigene Werte. Das sorgt für einen permanenten Stresszustand, der als zusätzliche Belastung hinzukommt. Langfristig gewöhnt man sich an dieses Verhalten und hält es für normal, ein Leben in Unklarheit zu führen – obendrein fehlt es an der Vorstellungskraft, dass man jemals mit eigenem Kompass sein Leben selbst gestalten könnte. Wer Zusagen relativiert, gewöhnt sich daran, auch sich selbst gegenüber unverbindlich zu sein, und folglich sinkt die Motivation, sich selbst Ziele zu setzen und diese zu verfolgen - zumindest über die ersten drei Fitnessstudio-Besuche hinaus.

Doch nicht nur die handelnden Personen selbst leiden unter der Unverbindlichkeit, sondern auch ihr direktes Umfeld muss mit negativen Konsequenzen leben. Das Schlüsselwort lautet Vertrauen. Wer sich dauerhaft und regelmäßig unverbindlich verhält, schwächt sein Profil und seine Glaubwürdigkeit. Die daraus resultierende Unsicherheit muss von den Mitmenschen ausgehalten werden und über kurz oder lang wird das Umfeld eine Entscheidung treffen. Will man sich mit jemandem abgeben, der durch Unsicherheit die gemeinsame Beziehung gestaltet?
Bis zu einem gewissen Schmerzpunkt wird ein unverbindliches Verhalten zunächst folgenlos bleiben, aber irgendwann werden sich die Mitmenschen schon allein aus Gründen des Selbstschutzes zurückziehen und den Kontakt abbrechen. Diese meist schleichende Beziehungserosion kann je nach Toleranz und Leidenswille des Umfelds über einen längeren Zeitraum gehen. Die hierfür ursächlich verantwortliche Unverbindlichkeit leistet jedoch für eine Vielzahl keinen positiven Lebensbeitrag, sondern stellt einen zusätzlichen Belastungsfaktor dar.

Das trojanische Pferd

Warum ist Unverbindlichkeit dennoch so verlockend und warum hat sie aktuell Konjunktur? Ich gehe davon aus, dass kein Mensch eines Morgens aufgestanden ist und bewusst die Entscheidung getroffen hat, sich ab sofort in jeglicher Situation der Unverbindlichkeit zu verschreiben. Vielmehr verstehe ich, dass es zahlreiche reizvolle Vorteile für Menschen hat, wenn sie Konflikten aus dem Weg gehen. Wenn sie sich durch ihr unverbindliches Handeln, das sie selbst als Flexibilität labeln, in weiten Teilen ihres Lebens zahlreiche Optionen offenhalten, ohne sich festlegen zu müssen. Das sorgt vordergründig für eine komfortable Situation, aus der heraus taktisch entschieden werden kann und der eigene Status abgesichert wird. Ferner wird die eigene Verletzlichkeit maximal verborgen und geschützt. Man vermeidet, sichtbar oder angreifbar zu werden, sich festzulegen oder das Risiko einzugehen, sich zu exponieren, und kann somit seiner Angst vor Beziehungsverlust optimal entgegenwirken. Dieses Mittel zum Selbstschutz scheint kurzfristig eine kluge Strategie zum Erhalt des Status quo zu sein.
Darüber hinaus ist Unverbindlichkeit oft kein Zufall, sondern ein bewusstes Machtinstrument: Wer sich nicht festlegt, kontrolliert. Wer Optionen offenhält, behält Überlegenheit. Wer vage bleibt, bleibt unangreifbar. Der gesellschaftlich weitverbreiteten narzisstischen Selbstoptimierungskultur wird somit ein wirkungsvolles Instrument geboten. Auch die im aktuellen Zeitgeist fest verankerte Ökonomisierung sozialer Beziehungen wird durch Unverbindlichkeit ideal unterstützt. Sorry, ich fühl´s einfach nicht, dass wir uns morgen treffen.

Gibt es auch Vorteile für das jeweilige soziale System, in dem wir uns alle befinden? Ich kenne keine. Unsere Freunde, Kollegen, Nachbarn: Das sind echte Menschen, die unser Miteinander mit uns gemeinsam gestalten und vielleicht sogar im Notfall für uns da sind und unterstützen. Diese Menschen haben keinen Vorteil davon, wenn wir uns unverbindlich verhalten.

Warum das Risiko Stabilität schafft

Es ist und bleibt für jeden Einzelnen eine Zumutung: Verbindlichkeit bedeutet, sich angreifbar zu machen – und genau darin liegt ihre Würde. Wer versucht, sich durch Unverbindlichkeit zu schützen, geht langfristig ein anderes Risiko ein: den Verlust von Vertrauen, von Verlässlichkeit und von Klarheit. Wer es vermeidet, sich festzulegen, erzeugt für sich und sein Umfeld Beliebigkeit. Und diese Vermeidung von Risiko verursacht langfristig einen größeren Schaden. Die Verlockung der Unverbindlichkeit tarnt sich als trojanisches Pferd: Was kurzfristig Sicherheit schafft, untergräbt langfristig Stabilität.

Daher sollte sich jede und jeder fragen, welchen Preis man zu zahlen bereit ist. Verbindlichkeit macht angreifbar. Aber gerade diese Angreifbarkeit sorgt für Klarheit und ermöglicht Vertrauen. Vertrauen wiederum ist die Voraussetzung für stabile Beziehungen und funktionierende Systeme. Das heißt: Gerade das, was Verbindlichkeit riskant macht, macht sie zugleich wertvoll.

In einfacher Logik formuliert: Verletzlichkeit ermöglicht Vertrauen. Vertrauen ermöglicht Stabilität. Stabilität reduziert langfristige Unsicherheit. Die kurzfristige Unsicherheit wird zur Voraussetzung langfristiger Sicherheit. Das ist die eigentliche Paradoxie.

Wer Sicherheit sucht, indem er unverbindlich bleibt, erzeugt Unsicherheit. Wer das Risiko der Verbindlichkeit eingeht, schafft Verlässlichkeit.